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Forestry in Germany

Mal wieder ein Eintrag auf deutsch – weil es ein zutiefst deutsches Thema ist.

Ich bin heute als neutraler forstlicher „Berater“ für Greenpeace Mannheim-Heidelberg nachmittag nach Lampertheim gefahren, um mir nach einer privaten Besichtigung dieses Mal zusammen mit dem Forstamt und den Mitgliedern von Greenpeace das FFH-Gebiet „Reliktwald Lampertheim und Sandrasen untere Wildbahn“ anzuschauen. Aufgrund der Aussage, dass dort extremst alte Buchenwälder in Kiefern-Douglasien-Roteichen Bestände umgewandelt werden sollten, fand ich das Thema hochinteressant. Denn mal ehrlich, was für (sogar ökonomische) Gründe könnte man überhaupt für ein solches Unterfangen haben?

Team Forstamt Lampertheim

Das gesamte Team des Forstamtes Lampertheim war anwesend

Der Lampertheimer Forst stellte sich als einer der schwierigsten Wälder, die ich bis jetzt gesehen hatte, heraus. Große Teile der sehr alten Teile sterben großflächig ab, bzw. können sich nicht mehr selbstständig verjüngen.

Doch warum ist das so? Hauptgrund ist die Grundwasserabsenkung der letzten 30-40 Jahre.

Großteile des Lampertheimer Forstes haben eher von Natur aus nährstoffarme, wasserdurchlässige Sandböden kombiniert mit etwa 600mm Niederschlag, was nicht gerade die beste Kombination von Standortfaktoren für Buche darstellt. Dennoch konnte sich über Jahrhunderte (sogar mehr oder weniger ununterbrochen) ein Wald etablieren, da die Grundwasserabstände fast durchgängig weniger als 4 Meter (wie mir gesagt wurde sind 4 Meter der Grenzwert bei Sandböden um noch als zum Grundwasser angeschlossen zu gelten) betrugen. Die Wälder hatten somit noch eine andere Wasserquelle und die Kalkversorgung durch ebendiesen Zustand war auch nicht zu unterschätzen. Seit den 70er Jahren allerdings hatte das Wasserwerk Mannheim-Käfertal angefangen Wasser zu beziehen. Dadurch senkten sich die Grundwasserabstände bis heute auf bis zu 10m ab, Werte, unter denen die Buche sich auf vielen Standorten kaum mehr halten kann.

Was ist also passiert?

Wir haben inzwischen viele sehr alte Buchenbestände, die sich einmal wegen des Stresses, aber auch wegen ihres Alters in der Zerfallsphase befinden, sich aber nicht mehr verjüngen können, da die neuen Standortbedingungen ungeeignet für die Naturverjüngung ist.

Das Forstamt Lampertheim konnte diese Entwicklung ja beobachten, besonders, dass mit dem Absinken des Grundwassers sich auch ein anderer Schädling großflächig etablierte: der Engerling. Heute haben sie Engerlingsdichten von durchschnittlich 5 Engerlingen pro m2 (das ist ziemlich hoch), die der sich sowieso schon schwer verjüngenden Buche noch einmal zusetzt. Übrigens trifft ähnliches auf vielen Flächen auf die Eiche zu, aber gerade im Rahmen der Arbeit mit Naturverjüngung ist natürlich die Buche primär interessant.

Stattdessen etabliert sich nun in den relativ lichten Wäldern (weil Absterben ja zu einer Auflichtung des Waldes führt) ein anderer Kandidat: die spätblühende Traubenkirsche. Nun wissen ja die meisten um die Schädlingswirkung von Tk, vor allem eben auch um den zusätzlichen Stress, den die nur 8m groß werdende, heckenartig wachsende Tk, auf die Naturverjüngung setzt.

Folglich fiel dort die Entscheidung nach jahrelangen Versuchen mit Buche und Eiche, nach mehrmaligen Scheitern, Vergrasung und anderem, hauptsächlich mit Kiefer zu arbeiten, eine der wenigen Arten, die sich überhaupt noch auf den trockenen Flächen halten kann.

Nun führe man sich aber die absurde Situation nochmal kurz vor Augen: Wir stehen immernoch in einem FFH-Gebiet, das aufgrund der seltenen Arten, die eben an Eiche-Buche (nicht Kiefer) vorkommen, ausgewiesen wurde. Der Aufschrei der Naturschützer (Greenpeace, Nabu, BUND) scheint also verständlich. Ich muss auch persönlich zugeben, dass ich nicht zu angetan von Kiefernwäldern als Alternative wäre. Zusätzlich kommt ja noch das Verschlechterungsgebot der FFH-Richtlinie ins Spiel, das im Grunde genommen so einen Waldumbau verbieten würde.

Gleichzeitig schimpfe ich mich ja nicht umsonst „Forst Ecosystem Manager“, man entwickelt ja auch eine ganz bestimmte Position: Hauptsache (Hoch)Wald. Meiner Meinung nach gibt es verschiedene mentale Abstufungen, die ein Förster machen sollte, welche folgende wären:

  1. spezifischer Waldtyp (zb Hainsimsen-Buchenwald) mit speziellen ökologischen Maßstäben
  2. Waldtyp
  3. Wald

Im Falle dieses Gebietes sind wir leider oftmals bei Stufe 3 angekommen. Somit erledigt sich in einem gewissen Rahmen auf das Verschlechterungsgebot, da sich der Waldtyp, der alles legitimiert, gar nicht erhalten kann bzw. die alten Bäume ja die Biotopbäume darstellen und diese ja sowieso nur nach und nach absterben.

Statt den Wald zu einer Steppe oder besseren Hecke verkommen zu lassen, weil man sich weigert standortfremde Baumarten wie Kiefer anzubauen, wurde hier der wesentlich (politisch) ungünstigere Weg gegangen: Umwandlung in einen anderen Waldtyp.

Nochmal, ich bin krasser Laubwaldfan und wenn ich persönlich eine andere Alternative sehen würde, ich würde absolut diese wählen. Aber es gibt momentan nur wenige Alternativen. Das Forstamt hat extensive Versuche mit Alternativen gemacht: Jahrelang versuchter Buchenanbau, Eiche, Hainbuche wo geht, Linde etc. Es gibt im FFH-Gebiet sogar ein Versuchsfeld wo ausdrücklich „alternative“ Baumarten wie Zerreiche, Flaumeiche oder Douglasie etc. ausgetestet werden.

Es gibt ja noch die Idee der Wasserwiederaufspiegelung, die durchaus legetim und meiner Meinung nach die beste Option darstellt. In anderen Gebieten in Hessen, wo das gleiche Problem auftrat (jep, scheint eine landesweite Schnapsidee zu sein), gibt es inzwischen Runde Tische, in denen eine solche Grundwasseranhebung diskutiert wird. Problem Lampertheim: das Wasserwerk, dass hauptsächlich den Grundwasserspiegel senkt, nämlich Mannheim-Käfertal, hockt in Baden-Württemberg. Das heißt ganz egal, was einstimmig in Hessen beschlossen wird, politisch und exekutiv hat das kaum Einfluss auf ein Wasserwerk in BW. Somit konnte das Forstamt bis heute nicht einmal das Zugeständnis des Wasserwerkes kriegen am desolaten Zustand des Waldes (großteils) Schuld zu sein.

Grundwasserabsenkung

Herr Schrepp (rechts) und Herr Kluge (links) erklären das Problem der Grundwasserabsenkung

Greenpeace fordert einen Einschlagstopp von Wäldern über 140 Jahre, damit diese einzigartigen Naturjuwelen erhalten werden können. Doch hier zeigt sich die Krux an dieser Forderung und warum ein Rundumschlag so problematisch sein kann:

Stellen wir uns doch mal vor wir nehmen diese Bestände pauschal aus der Nutzung. Stellen wir uns weiterhin vor, das wären Wälder, wo sich die Buche oder Eiche kaum mehr verjüngen kann und sich die Tk ausbreitet. Prozessschutz. Bam. Und 30 Jahre später? Tk-Heckenwald. Erwünschte Arten: 0. Erwünschtes wertvollen Ökosystem: 0. Deswegen Effektivität Pauschalforderung in diesem Wald: 0.

Meiner Meinung nach ergeben sich nur wenige Möglichkeiten, die ich nach beste Optionen auflisten will:

  1. Politische Kampagne gegen Wasserwerk Mannheim-Käfertal – Sollte man das Wasserwerk bis zur Wiederaufspiegelung kriegen, dann wären die meisten ökologischen Probleme im Großteil des Waldes Vergangenheit. Der Engerling würde zurückgehen, die gestärkten Buchen sich wieder etablieren können und der Lebensraumtyp erhalten werden.
  2. Mit anderen Buchenprovinienzen arbeiten – Eine der wenigen Sachen, die das Forstamt noch nicht ausprobiert haben. Eine an Trockenheit und Kälte angepasstere Buche mag dem Engerling mehr Widerstand bieten, als eine geschwächte.
  3. Baumartenspektrum erweitern und Buchen gezielt fördern – Ich bin mir nicht sicher, inwieweit das möglich ist, aber man kann natürlich im FFH Gebiet auch mit ausdrücklich unwirtschaftlichen Baumarten arbeiten – zb mit Linde, Traubeneiche, Hainbuche mehr rumexperimentieren. Ich kann aber auch verstehen, dass das Forstamt da schon rumprobiert hat.

Insgesamt würde ich mir eine starke Kooperation zwischen den Naturverbänden und dem Forstamt wünschen, um politisch genug beim Wasserwerk zu ändern. Ich denke das ist das Einzige, womit die gesamte Waldregion nachhaltig aufgebessert und zu früherer Glorie zurückgeführt werden kann.

Doch nochmal für alle Waldnerds: Was haltet ihr davon? Vorschläge, (waldbauliche) Ideen, Einwürfe? Ich würde mich wirklich, wirklich über euren Input freuen!

In diesem Sinne, gute Nacht und waldige Grüße!